© Lina Schröder

 

Der im 20. Jahrhundert formulierte Begriff Infrastruktur lässt sich, so viel steht laut Dirk van Laak seit 2004 zumindest fest, problemlos in zurückliegende Epochen übertragen, begriffstechnisch sollten daher also grundsätzlich keine Probleme zu erwarten sein. Merkwürdigerweise gehen dennoch bisher vorgelegte Arbeiten mit einer bewusst gewählten infrastruktur-geschichtlichen Forschungsperspektive selten über das 19. Jahrhundert hinaus.2 Häufig diesbezüglich angeführte Argumente beziehen sich u.a. auf die Untersuchungsobjekte selbst – Energienetzwerke gab es beispielsweise schlicht und ergreifend in dieser Form im Mittelalter nicht – auf die fehlende Methodik bzw. unbefriedigende Quellenlage sowie – und zwar zurecht – auf die doch nicht so klar definierte Begrifflichkeit.

Denn im 21. Jahrhundert begegnet der Infrastrukturhistoriker einer reichen Vielfalt an Bezeichnungen, mit welcher er sich herumplagen muss und die ihn, insbesondere wenn es um die Übertragbarkeit infrastruktur-historischer Forschungsansätze in weiter zurückliegende Epochen wie z.B. das Mittelalter geht, immer wieder in Erklärungsnot bringen.

Zu dieser Palette gehören u.a. Umschreibungen wie kritische, technische, materielle Infrastrukturen, soziale, institutionelle, hydraulische oder standardisierte Infrastrukturen, Infrastruktursysteme, sperrige Infrastrukturen, netzwerkartige Infrastrukturen bzw. infrastrukturelle Netzwerke (per se ein Widerspruch: jedwede Infrastruktureinrichtung ist Teil eines Netzes), globale, ökonomische, sozio-technische, grüne und graue Infrastrukturen.

Die Liste ließe sich fortsetzen. Die wiedergegebenen Bezeichnungen sind ein Spiegelbild sich im Verlaufe von Jahrzehnten wandelnder Erkenntnisziele und entstammen geographischen, technischen, ökologischen, ökonomischen, politischen oder sozialen und nicht historischen Kontexten. Wenn der Historiker daran interessiert ist, Infrastruktur epochenunabhängig zu untersuchen, tut er also gut daran, Infrastruktur auf ihre wesentlichen Merkmale zu reduzieren, um ein universales, epochenübergreifendes, übertragbares Konzept zu erhalten. Erste, diesbezügliche Überlegungen bestehen mit dem von der Verfasserin publizierten „infrastrukturellen Zellenmodell“.

 

1Laak, Dirk van: Imperiale Infrastruktur. Deutsche Planungen für eine Erschließung Afrikas 1880 bis 1960, Paderborn 2004, S. 21 ff.

2Engels, Jens Ivo: Machtfragen. Aktuelle Entwicklungen und Perspektiven der Infrastrukturgeschichte, in: Neue Politische Literatur. Jg. 55 (2010), S. 51–70, S. 53.

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