I. Laufende Projekte

Habilitationsprojekt 

Betreuer: Prof. Dr. Helmut Flachenecker (Universität Würzburg)

„Wer herein komt tzum wochenmargkt von eynes geleicz wegen...“ Infrastruktur im Spiegel städtischer Ratsbücher

(Arbeitstitel)

(Stand: Sept. 2019)

Die Arbeit untersucht und vergleicht exemplarisch infrastrukturelle Einrichtungen mit dem Ziel herauszufinden, ob es aus historischer Perspektive Strukturelemente gibt, mit deren Hilfe sich Infrastrukturzellen (weiter ISRZ) unabhängig von Typ, Standort und Epoche beschreiben lassen. Hierfür wurde das in der Dissertation erarbeitete Zellenmodell entwickelt, in welchem jede infrastrukturelle Einrichtung als ISRZ bezeichnet wird. Sieben Strukturelemente sind dort beschrieben, sechs davon gelten dabei als tragend: 1. die Hardware (materielle, technische und standortgebundene Faktoren), 2. die Software (u.a. Funktion und Nutzungsbedingungen), 3. die Verankerung einer ISRZ im Gesamtgefüge (die Verknüpfung mit Nachbarzellen) sowie die verschiedenen Akteursgruppen, welche sich gegenüber einer ISRZ über ihre Rollen beschreiben lassen, nämlich 4. die Stifter (Baurecht, Recht auf Funktions-, Betriebs- und Nutzungsvorgaben, auf den Erhalt mgl. Einnahmen über die ISRZ etc.), 5. die Betreiber (Sicherstellung der Funktionen vor Ort, Wartung und Reparatur, Recht auf Betriebsvorgaben, auf den Erhalt mgl. Einnahmen über die ISRZ etc.) sowie 6. die Nutzer (Nutzung der Zelle, mglw. gegen eine entsprechende Gebühr oder arbeitstechnische Leistung). Optional können 7. noch die Beobachter hinzukommen (z.B. Menschen, die um die Existenz einer ISRZ wissen, von der Nutzung jedoch ausgeschlossen sind).

Aufgrund der Schwierigkeit, dass ISRZ in allen Epochen, auch heute, in der Schriftlichkeit – wahrscheinlich aufgrund der Selbstverständlichkeit ihrer Anwesenheit – nur marginal vorkommen (meistens im Falle ihrer Genese, bei Konfliktfällen oder im Falle des Nichtfunktionierens), gestaltet sich die Untersuchung als insgesamt mühselig, insbesondere wenn es um die vormodernen, "vorstatistischen" Epochen geht. Die vorherigen, an dieser Stelle präsentierten diesbezüglichen Untersuchungsideen erwiesen sich bis dato alle als nicht zielführend. Derzeit wird daher geprüft, ob die Analyse von im Spätmittelalter einsetzenden Stadt- und Ratsbüchern, Dorf- oder Stadtordnungen zu den gewünschten Aussagen führt. Nach einer entsprechenden ersten Sichtung wird entschieden, wie die Untersuchung weiter strukturiert wird. In Anbetracht dessen, dass einerseits mit dem Zellenmodell zugleich vorausgesetzt wird, dass ISRZ mit ihrer Standortgebundenheit in ihrer Genese und betrieblichen Folgeentwicklung vor allem auch unter lokalen und regionalen Gesichtspunkten interpretiert werden müssen und andererseits ein epochenübergreifender Fokus gesetzt wird, handelt es sich insgesamt um eine landesgeschichtlich orientierte Untersuchung.

 

Neben- und Kleinprojekte

Die Burg Mömbris im Kahlgrund

In diesem Projekt geht es um eine Rekonstruktion der Geschichte der Burg Mömbris, um ihren Untergang und den eventuellen Wiederaufbau. Ebenso soll versucht werden zu klären, ob ein möglicher Zusammenhang zum Namen „Womburg“ existiert. Das Projekt ist dem aktuellen Habilitationsprojekt untergeordnet.

 

Eine Bibliographie für Infrastruktur-Geschichte

Forschungsarbeiten stehen und fallen vor allem mit dem Forschungsstand, es ist unerlässlich, sich einen Überblick über bereits existierende Publikationen zu verschaffen. Im Falle der Infrastruktur-Geschichte ist dies oftmals sehr mühsam. Der Geschichtszweig als solcher ist noch nicht etabliert, entsprechend vermisst der Forscher entsprechende Handbücher oder gar bibliographische Nachschlagewerke. Die eigenen "leidvollen" Erfahrungen vor Augen habend, bemüht sich die Verfasserin im Rahmen dieses Projektes, möglichst viel Literatur zusammenzutragen, welche als Ausgangsbasis für infrastruktur-geschichtliche Untersuchungen dienen mag. In der Hoffnung, dass eine solche Bibliographie infrastruktur-historische Projekte indirekt unterstützt, werden die Ergebnisse auf dieser Homepage öffentlich zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist sämtlichen weiteren Forschungen untergeordnet, weshalb es keinen Zeitplan für die Bearbeitung gibt.

 

Die Republikgründung der Niederlande und die Rolle der Infrastruktur

Bei den Untersuchungen geht es darum, den Prozess der niederländischen Republikgründung anhand der damals vorhandenen bzw. fehlenden Infrastruktur zu analysieren. Inwieweit lassen sich die Prozesse auf die vorhandenen bzw. fehlenden Infrastrukturelemente zurückführen? Welche Rolle spielten Infrastruktureinrichtungen damals? Das Projekt ist dem aktuellen Habilitationsprojekt untergeordnet, weshalb es keinen aktuellen Zeitplan für die Bearbeitung gibt.

 

Infrastruktur und Niklas Luhmans Systemtheorie

Dieses überwiegend theoretisch orientierte Projekt soll einen Beitrag zur Geschichtstheorie leisten, in welcher einerseits Luhmanns Systemtheorie trotz der z. T. fehelnden Aussagen zu einem Geschichtsmodell immer wieder eine Rolle bei Untersuchungen spielt, andererseits die Infrastruktur-Geschichte als ein an Bedeutung gewinnendes Untersuchungsfeld sich zu etablieren hat. Die Verfasserin arbeitet hier an einem Vorschlag für eine eventuelle Integration des Zellenmodells in die Systemtheorie. Zunächst muss jedoch die mögliche Bedeutung der Infrastruktur in diesem Zusammenhang an für sich geklärt werden, insbesondere Luhmanns Aussagen zur Institution könnten hier eine Schlüsselrolle spielen. Das Projekt ist dem aktuellen Habilitationsprojekt untergeordnet, weshalb es keinen aktuellen Zeitplan für die Bearbeitung gibt.

 

II. Abgeschlossene Projekte

Kleine Projekte

Die Geschichte des sich im Hafenlohrtal befindlichen Hofgutes Erlenfurt, auch Kohlhütte genannt (Publikation erfolgt im Wertheimer Jahrbuch 2019 – erscheint im Herbst 2019)

Der Hafen Marktsteft als Herrschaft sichernde Maßnahme im 18. und 19. Jahrhundert (Publikation 2019 erschienen)

... den bedürfnissen des socialen lebens rechnung“ tragend?  Der Bau und die Entwicklung der Aschaffenburger Willigisbrücke vom 10.–16. Jh. (Publikation erfolgt im Aschaffenburger Jahrbuch. Bd. 34, 2020)

Die Republikgründung der Niederlande – eine systemtheoretische Betrachtung (Publikation 2013 erschienen)

 

Dissertationsprojekt (Doktorvater: Prof. Dr. Dr. h.c. Wilfried Loth)

Der Rhein-(Maas-)Schelde-Kanal als geplante Infrastrukturzelle von 1946 bis 1985: Eine Studie zur Infrastruktur- und Netzwerk-Geschichte (Publikation 2017 erschienen)

Der Titel der Dissertationsschrift verweist auf die beiden Kernanliegen der Arbeit: zum einen die Aufarbeitung der Kanalgeschichte eines in Wirklichkeit rund 360 Jahre alten Projektes, welches in seinen Anfängen darauf abzielte, den Niederrhein mit dem Antwerpener Hafen zu verbinden; zum anderen auf die Bemühungen, infrastruktur-historische Untersuchungen durch den Entwurf eines Modells mit klaren Begrifflichkeiten zu erleichtern. Insbesondere auf letztere hat die Infrastruktur Forschung der vergangenen Jahrzehnte bewusst verzichtet, um „die Leistungsfähigkeit und Variabilität des Themas zu demonstrieren“. Ein sicherlich berechtigter Ansatz, nach fast weiteren zehn Forschungsjahren scheint es jedoch notwendig, sich auf der Basis der jetzigen Ergebnisse an die Begriffsarbeit zu wagen, wozu diese Arbeit einen Beitrag leisten möchte. Zu Beginn der Dissertation steht daher ein Theoriekapitel, welches das während der Arbeit immer weiterentwickelte Modell zur Erklärung von Infrastruktur aus historischer Perspektive als Teilergebnis voranstellt. Erst im Anschluss an dieses wird der Leser in die Kanaldebatte selbst eingeführt. Die Rekonstruktion des besagten Kanalprojektes erfolgt auf drei Ebenen: Zahlreiche, grenzübergreifende Regierungsdokumente, Briefwechsel oder Sitzungsprotokolle ergeben ein Bild der „wahren“ regionalen, nationalen sowie transnationalen Diskussion auf der einen Seite. Über rund 570 Zeitungsartikel aus der deutschen, niederländischen und belgischen Tagespresse sowie zahlreiche Denkschriften dokumentieren die von den Protagonisten gewollt inszenierte öffentliche Wahrnehmung der Projektdiskussion auf der anderen Seite. Das Material stammt aus insgesamt 15 kommunalen und staatlichen Archiven aller drei, in die Diskussion verwickelten, Länder.

Abstract

The concept of “infrastructure” and the flat line project Rhine-Meuse-Scheldt canal have something in common: both draw a great deal of public attention to the background of local and national integration within the context of the European Economic Community. As Dirk van Laak observes, “this term [infrastructure] found the way in the vocabulary of the planner by and via the EEC the Rhine-Meuse-Scheldt canal was the last missing part of the west-east route (magistrale), and an urgent infrastructure measure. As such, it was a controversial subject in the regional press and was discussed by political and economical committee until the year 1985.

The tile of the dissertation points directly to the two primary foci of this paper: establish terminology and an historical methodology appropriate to the study of infrastructure – an emerging field of history in Germany. Without terms and methods to conceptualize a study of infrastructure, the study of it would be nearly impossible. This methodology was then utilized to examine the infrastructure measure known as the Rhine-Meuse-Scheldt canal and the reason for its failure.

The first priority in the dissertation was to draft a model system – known as the cell scheme – which describes infrastructure as an abstract concept regarding its complexity, and then facilitates a means of functional analysis and historical interpretation of individual examples. Similar to the concept of living cells, the cell scheme describes infrastructure as an instrument that organizes and supports society. The splitting of the infrastructure into separate cells is the corner post of the scheme. Infrastructure is therefore interpreted as an arrangement of an undefined number of cells. Each cell can be envisioned as an entity of hardware and software. Particular cells, therefore, are only important through their location and arrangement within the large “infrastructure” system. The existence of a cells depends on the achievement of a critical mass of regulations, finances, and resources that are required for the system to work. The aspects of success and failure of an infrastructure typically reference particular cells, such as the Rhine-Meuse-Scheldt canal.

The discussion and planning of this canal can be traced to the Fossa Eugeniana in 1626, about 360 years before the project was ultimately blocked. Consideration and planning can be divided into four phases: 1626–1838; 1839–1939; 1939–1963; 1964–1985. The aspects central to this discussion are the beginning of the second phase in 1839 and the blocking of the original north-south magistrale (route) from Antwerp to the Rhine in 1865–67 by the Dutch. During this period, there was a regional conflict of interest regarding the alignment and connection cities in the lower Rhine with the harbor of Antwerp. The conflict emerged between the government and merchants of the German cities of Neuss, Aachen, Monchengladback and Krefeld. The neighboring countries were represented by the Dutch Limburg and the Belgian Luttich.

The canal was of particular interest to the Belgian government. The construction of the Albert canal (Belgium), of the Juliana canal (Netherlands), and the reconnection of Antwerp with the Rhine in the 1920s and 30s, there was a hope to link with the economic areas in the east. There were two potential paths for this reconnection: the Rhine-Meuse canal as a direct connection with the Albert canal, or the alternative north-south magistrale Rhine-Scheldt (the Moerdijk project). Due to effectiveness of the supply network, the north-south magistrale Rine-Scheldt was favored by Belgium. At the instigation of Aachen and the Belgian government tin October 1953, both ideas were received by the European Conference of Transport Ministers (ECTM). Although extensively discussed, the west-east route was not constructed, but the Rhine-Scheldt canal was completed in 1975.

For the purpose of this this study, the examination of the proposed Rhine-Meuse canal took place at three levels:

  • Municipal level (micro-space) in the region of the Rhine and Meuse,

  • Trans-regional level (meso-space) with the government of the three countries of Belgium, Germany, and the Netherlands

  • Transnational (macro-space) in the context of the EEC

One of primary research goals of this project was to examine the communication between these various levels regarding the canal and the multitude of stakeholders. The methodology for doing so involved distinguishing between an utilities infrastructure (to which belongs the Rhine-Meuse canal) and a performing infrastructure (consisting of the three aforementioned “levels”). Employing the concept of cells that was introduced earlier allows for the connection between micro, meso, and macro “spaces.”

In conclusion, it is possible that the Rhine-Meuse canal ultimately failed in the last phases of negotiation because the trans-regional stakeholders (Belgium, Germany, and the Netherlands) had contradictory strategic goals. Furthermore, it is probable that there were no important businesses at the municipal level that could profit from the building of this infrastructure – resulting in a negative cost benefit analysis. Last but not least, the opening of the Rhine-Scheldt canal in 1975 provided an alternative cell of infrastructure.

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