I. Laufende Projekte

Habilitationsprojekt 

Dynamische Eigenräume im Stadtraum. Vormoderne städtische Einrichtungen als Indikatoren gesellschaftlichen Strukturwandels im epochenübergreifenden und transregionalen Vergleich

Begleitet durch Prof. Dr. Martin Knoll (Universität Salzburg)

Wenn ich mich mit gesellschaftlichem Strukturwandel auseinandersetze, greife ich von vorn herein einen insgesamt von der Forschung unumstrittenen Aspekt von Strukturwandel heraus, indem ich den Fokus auf die stattgefundenen Veränderungen gesellschaftlicher Strukturen in der sogenannten Sattelzeit lege. Mit dem Begriff 'Sattelzeit' folge ich der Einfachheit halber Reinhart Koselleck und bezeichne die Übergangszeit zwischen Vormoderne und Moderne.

Im Rahmen der Studie wird der These nachgegangen, dass sich der hier thematisierte Strukturwandel nicht nur anhand von Stellung und Zweck der städtischen Einrichtungen zeigt, sondern auch daran, dass die Einrichtungen ein Stück weit unabhängiger von regionalen (Umwelt)Faktoren wurden. Unter Letzteren werden u.a. topographische (z.B. Ressourcenvorkommen), geographische (z.B. Siedlungsdichte, zentrale Verkehrswege), klimatische, kulturelle (z.B. religiöse) oder politisch-herrschaftliche Aspekte zusammengefasst.

Die zur Disposition stehenden Einrichtungen sind öffentlich und in der Vormoderne entstanden (zumeist im Spätmittelalter oder davor) sowie durch einen festen Standort gekennzeichnet – etwa Einrichtungstypen wie Stadtbefestigungen, Rathäuser, Mühlen oder Brücken. 'Öffentlich' meint hier lediglich das Gegenteil von 'privat', sprich es handelt sich um Einrichtungen, die grundsätzlich nicht nur einer einzelnen Person, Familie, einem Privathaushalt, Kloster oder, modern gesprochen, einem Unternehmen in irgendeiner Art und Weise zur Verfügung standen.

Da gesellschaftlicher Strukturwandel stets eine Raumkomponente integriert und außerdem die Abhängigkeit der Einrichtungen von regionalen Strukturen analysiert werden soll, erfolgt die Umsetzung des Forschungsanliegens in Form eines regionalgeschichtlichen Zuschnitts im Rahmen dreier Fallstudien, die jeweils mit Seßlach (Oberfranken), Kleve (Rhein-Maas-Raum) und Oppeln (Oberschlesien) den Stadtraum dreier (vormaliger) Kleinstädte in drei unterschiedlichen Regionen ins Visier nehmen.

Für die Untersuchung des Stadtraums in Verbindung mit den regionalen Faktoren wird zunächst ein Ansatz aus der Stadtplanung von Kevin Lynch (1989) aufgegriffen und weiterentwickelt. Mit Lynchs „Stadttopographie“ weniger möglich ist eine Differenzierung bezüglich der im Titel der Studie angesprochenen Aspekte  Stellung und Zweck städtischer Einrichtungen. Dies führt mich zu einem weiteren Theorieansatz. So wird gerade auch mit Blick auf den ausgewählten Aspekt des Strukturwandels zusätzlich mit der Differenzierungs- und Medientheorie Niklas Luhmanns auf einen gesellschaftswissenschaftlichen Analyseansatz zurückgegriffen.

 

Weitere Projekte

Schnittstelle Kahlgrund. Ruprechts Zug gegen die sogenannten Raubschlösser im Jahr 1405 – ein Beispiel der Verflechtung verschiedener Herrschaftsräume (Arbeitstitel, Stand Sept. 2020)

Die Untersuchung soll einen Beitrag zur Aufarbeitung der spätmittelalterlichen Geschichte des Kahlgrunds leisten, der zu Beginn des 15. Jahrhunderts, so die Hypothese, politisch eine Schnittstelle zwischen dem vom Mainzer Erzbischof dominierten Spessart und der ursprünglich vom König beherrschten Wetterau darstellte. Im genannten Zeitraum wies der Kahlgrund ein königliches Freigericht, mehrere kleine Ortschaften (u.a. Kahl, Mömbris, Krombach, Blankenbach, Sommerkahl), mit Alzenau nur eine Siedlung mit Stadtrecht (1401) sowie eine sehr hohe Burgendichte auf – insbesondere letztere verweist vor allem auf verschiedene Tätigkeiten niederadeliger Akteure.

  Im Jahr 1405 ließ König Ruprecht von der Pfalz (1400–10) mehrere dieser Burgen mit der Begründung, dass es sich um Raubschlösser handelte, einlegen. Dem hierfür zusammengestellten Zug schloss er sich streckenweise persönlich an. U.a. diese Episode gibt Anlass, im Kahlgrund eine wichtige politische Schnittstelle zwischen Wetterau und Spessart zu vermuten.

  Die Wetterau ist dabei ein schönes Beispiele für die Bedeutung von Königsnähe respektive -ferne für eine Region: Das Gründen von Städten und Burgen, ihre Verpfändung, Vergabe als Lehen bzw. im Bedarfsfall ihre Zerstörung war auch im Spätmittelalter noch fester Bestandteil angewandter Herrschaftspraktiken, hinter denen unterschiedliche Akteursgruppen standen. Inwieweit welche der genannten Praktiken zum Einsatz kam hing dabei vor allem, dass zeigen die ausgewählten Betrachtungsbeispiele, von den Herrschaftsstrukturen der jeweiligen Regionen ab. Um die diversen Verflechtungen besser verstehen und „entwirren“ zu können, wird hier ein Untersuchungszeitraum von 1376 bis grob 1410 zugrunde gelegt.

  Quellentechnisch bieten u.a. die zahlreichen Regestensammlungen zu den beiden Königen Wenzel (1376–1400) und Ruprecht, dem Erzbistum Mainz, dem reichspolitischen Geschehen (RTA), den hier interessierenden Städten Frankfurt, Gelnhausen, Wetzlar und Friedberg sowie zu den einzelnen niederadeligen Geschlechtern eine gute Überlieferungsgrundlage. Diese sollen neben der Hinzuziehung verschiedener Archivalien (z.B. Lehensbriefe) u.a. direkt mit den aktuellen, über das Archäologische Spessartprojekt e.V. (https://www.spessartprojekt.de/) gewonnenen Grabungsbefunden (Federführung Harald Rosmanitz M.A.) zu den einzelnen Kahlgrunder Burgen in Beziehung gesetzt werden.

  Das Projekt wurde von der Gemeinde Mömbris und dem Verein Kulturlandschaft Kahlgrund e.V. (1. Vorsitzender: Hermann-Josef Bender) initiiert und wird durch beide unterstützt: https://www.kulturlandschaft-kahlgrund.de

 

Licht lockt Leute: Als der Mensch in die Schöpfung eingriff und Tag und Nacht aufhob (Arbeitstitel, Stand Jun. 2020)

Bertolt Brecht hielt bezüglich der Einführung des Rundfunks zutreffend fest, dass nicht die Öffentlichkeit auf den Rundfunk gewartet hatte, sondern der Rundfunk auf die Öffentlichkeit. Sein Statement trifft nicht nur auf die Bereitstellung des Rundfunks zu, sondern beschreibt kurz und prägnant den gesamten Einführungsprozess der Elektrizität: Über die reine Darstellung ihrer technisch-abstrakten Nützlichkeit hinaus musste ihr an und für sich vor dem Hintergrund der vorherrschenden sozialen, ökonomischen und kulturellen Bedingungen erst einmal ein gesellschaftlicher Ort zugewiesen werden. Denn Strukturwandel benötigt Zeit und muss vor allem zunächst einmal in den Köpfen der Menschen stattfinden.

  Dass geplante Projekt widmet sich diesem bis dato noch längst nicht vollumfänglich erforschten Adaptionsprozess der Zweiten Industriellen Revolution. Die Forschungsidee zielt darauf ab, die Auswirkungen der Elektrizität auf den menschlichen Alltag und das damalige Weltverständnis zu untersuchen. Es steht also weniger die Entwicklung und Verbreitung der neuen Energieform selbst im Vordergrund als vielmehr das gesellschaftliche Spannungsverhältnis zwischen der Innovation und Begeisterung für das Neue einerseits und den Bestrebungen zur Bewahrung der alten Gesellschaftsordnung andererseits. Der Untersuchungszeitraum ist dabei auf die Zeit zwischen 1880 und den Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 beschränkt.

  Der Ansatz sieht – sich an der Untersuchung Beate Binders orientierend – zum jetzigen Zeitpunkt mit Oldenburg (Oldb) und Cloppenburg (Großherzogtum Oldenburg) sowie Dieburg und Darmstadt (Großherzogtum Hessen) die Untersuchung zweier unterschiedlich großer Städte aus jeweils Nord- und Mitteldeutschland vor, die zum Zeitpunkt der Einführung der Elektrizität nicht zu den beiden großen katholisch respektive protestantisch dominierten Königreichen Bayern und Preußen gehörten. Die kleineren Territorien – so die Überlegung – ermöglichen insgesamt eine bessere Übersicht bezüglich regionaler Strukturen und Ausprägungen. So richten sich diesbezügliche Fragen beispielsweise auf gleiche respektive ähnlich geführte lokale Diskurse, darauf, inwieweit diese von der Stadtgestaltung abhängig waren, inwieweit sie den allgemeinen Trend folgend die vorherrschenden kulturellen Deutungsmuster und Orientierungen widerspiegeln bzw. wovon die jeweiligen lokalen Diskurse insgesamt beeinflusst waren (unter anderem Bevölkerungs-, Stadt- oder Regionalstrukturen).

  Um etwaige Probleme und lokale Spannungen herauszufinden, soll der erste Zugriff über die zeitgenössische Presseschreibung erfolgen. Zeitungsartikel erwiesen sich, so die Erfahrung im Dissertationsprojekt, wo es um die länderübergreifenden Diskussionen um die Realisierung eines Rhein-Maas-Schelde-Kanals ging, als überaus effektiv und aussagekräftig.

  Eine erste einführende Publikation erscheint voraussichtlich im Dez. 2020: Schröder, Lina: Licht lockt Leute: Als der Mensch in die Schöpfung eingriff und Tag und Nacht aufhob – ein Werkstattbericht. In: Flügel, Wolfgang/Lühr, Merve/Müller, Winfried (Hg.): Urbane Kinokultur. Das Lichtspieltheater in der Großstadt zwischen 1895 und 1949 (ISGV digital). o.O. 2020.

 

Eine Bibliographie für Infrastruktur-Geschichte

Forschungsarbeiten stehen und fallen vor allem mit dem Forschungsstand, es ist unerlässlich, sich einen Überblick über bereits existierende Publikationen zu verschaffen. Im Falle der Infrastruktur-Geschichte ist dies oftmals sehr mühsam. Der Geschichtszweig als solcher ist noch nicht etabliert, entsprechend vermisst der Forscher entsprechende Handbücher oder gar bibliographische Nachschlagewerke. Die eigenen "leidvollen" Erfahrungen vor Augen habend, bemüht sich die Verfasserin im Rahmen dieses Projektes, möglichst viel Literatur zusammenzutragen, welche als Ausgangsbasis für infrastruktur-geschichtliche Untersuchungen dienen mag. In der Hoffnung, dass eine solche Bibliographie infrastruktur-historische Projekte indirekt unterstützt, werden die Ergebnisse auf dieser Homepage öffentlich zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist sämtlichen weiteren Forschungen untergeordnet, weshalb es keinen Zeitplan für die Bearbeitung gibt.

 

II. Abgeschlossene Projekte

Kleine Projekte

Die Willigisbrücke in ihrer regionalen Verankerung. Eine epochenübergreifende und exemplarische Untersuchung (Publikation 2020 erschienen)

Die Geschichte des sich im Hafenlohrtal befindlichen Hofgutes Erlenfurt, auch Kohlhütte genannt (Publikation 2020 erschienen)

Der Hafen Marktsteft als Herrschaft sichernde Maßnahme im 18. und 19. Jahrhundert (Publikation 2019 erschienen)

Die Republikgründung der Niederlande – eine systemtheoretische Betrachtung (Publikation 2013 erschienen)

 

Dissertationsprojekt (Doktorvater: Prof. Dr. Dr. h.c. Wilfried Loth)

Der Rhein-(Maas-)Schelde-Kanal als geplante Infrastrukturzelle von 1946 bis 1985: Eine Studie zur Infrastruktur- und Netzwerk-Geschichte (Publikation 2017 erschienen)

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