Habilitationsprojekt 

Betreuer: Prof. Dr. Helmut Flachenecker (Universität Würzburg)

Infrastrukturkonjunkturen. Infrastrukturnetze in Europa exemplarisch im Vergleich (aktueller Arbeitstitel)

(Stand: Febr. 2018 – das Projekt befindet sich noch in der Entwicklungsphase)

Im Rahmen einer Längsschnittstudie (11./12. Jh.–1970) soll anhand dreier europäischer Regionen exemplarisch die Infrastrukturentwicklung (z.B. Getreidemühlen, Verkehrswege, Stadtbefestigungen, Kirchen, Brücken, Anlegestellen und Häfen, Leuchttürme, ...) als einerseits Voraussetzung und Ergebnis sozialer, politischer, räumlicher und zeitlicher Rahmenbedingungen, andererseits dauerhafte Basis für Gemeinwohl, Herrschaft und Wirtschaft untersucht werden.

Bei den besagten Regionen handelt es sich um den Main-Spessart, ehemals Preußen und den Montes de Toledo (Castilla de la Mancha). Neben Begriffen wie Infrastrukturzelle und Infrastrukturzentrum spielt die Infrastrukturregion eine wichtige Rolle: „Wenn hier von Infrastrukturregion oder Kanalregion die Rede ist, sollen damit jene Raumwirkungen beschrieben werden, die sich primär durch das Phänomen Infrastruktur ergeben. Die Region definiert sich hier nicht über Grenzen oder eine immanente Substanz. […] Region wird als ein veränderliches, durch konkrete Interaktionen und performative Akte immer wieder neu hergestelltes Phänomen begriffen.“1

Die von der Siedlungspolitik des Deutschen Ordens beeinflussten Städte Preußens sowie jene durch das Kalifat von Córdoba und die Reconquista geprägten Castillas weisen Gemeinsamkeiten auf: sie wurden von Menschen unterschiedlicher europäischer Regionen bevölkert, die beim Zuzug ihre rechtlichen, religiösen und sozialen Vorstellungen mitbrachten (Dynamiken der (städtischen) Identitätsbildung), auch die Modifikation von Infrastruktur als gemeinsame Kulturleistung ist u. a. Ergebnis und Ausdruck jener Multikulturalität. Die beiden Regionen liefern zugleich unterschiedliche Kulturräume, Topographien, Macht- und Herrschaftsstrukturen, letztere werden durch den Main-Spessart (Besonderheit der territorialen Multiherrschaft) ergänzt. Der Ansatz bemüht sich um „das Erfassen und Erklären von Kulturphänomenen in ihrer räumlichen Dimension"2 und umreißt die Bedeutung eines gemeinsamen Europas, das seine Stärke aus den Regionen und nicht ausschließlich aus den Nationalstaaten zieht. Die Studie basiert auf dem in der Dissertation der Verfasserin entwickelten infrastrukturellen Zellenmodell, geht damit neue methodische Wege und trägt zur aktuellen Diskussion hinsichtlich der Bedeutung lokaler Identitäten in einem gemeinsamen Europa bei.3

Das Projekt ist auf drei Jahre angesetzt.

1Jens Ivo Engels, Kanalregionen im Frankreich der Sattelzeit. Elemente für die Erforschung der Raumwirkungen von Infrastrukturen, in: Francia 37, 2010, S. 149–166, hier S. 154 f.

2 Flachenecker, Helmut/Kiessling, Rolf (Hg.): Städtelandschaften – Schullandschaften. Eine Einführung, in: Flachenecker, Helmut/Kiessling, Rolf (Hg.): Schullandschaften in Altbayern, Franken und Schwaben. Untersuchungen zur Ausbreitung und Typologie des Bildungswesens in Spätmittelalter und Früher Neuzeit, München 2005, S. 9–28, hier S. 2 f.

3 Ebd.

 

Nebenprojekte

Die Republikgründung der Niederlande

Bei den Untersuchungen geht es darum, den Prozess der niederländischen Republikgründung anhand der damals vorhandenen bzw. fehlenden Infrastruktur zu analysieren. Inwieweit lassen sich die Prozesse auf die vorhandenen bzw. fehlenden Infrastrukturelemente zurückführen? Welche Rolle spielten Infrastruktureinrichtungen damals? Das Projekt ist dem aktuellen Habilitationsprojekt untergeordnet, weshalb es keinen aktuellen Zeitplan für die Bearbeitung gibt.

Infrastruktur und Niklas Luhmans Systemtheorie

Dieses überwiegend theoretisch orientierte Projekt soll einen Beitrag zur Geschichtstheorie leisten, in welcher einerseits Luhmanns Systemtheorie trotz der z. T. fehelnden Aussagen zu einem Geschichtsmodell immer wieder eine Rolle bei Untersuchungen spielt, andererseits die Infrastruktur-Geschichte als ein an Bedeutung gewinnendes Untersuchungsfeld sich zu etablieren hat. Die Verfasserin arbeitet hier an einem Vorschlag für eine eventuelle Integration des Zellenmodells in die Systemtheorie. Zunächst muss jedoch die mögliche Bedeutung der Infrastruktur in diesem Zusammenhang an für sich geklärt werden, insbesondere Luhmanns Aussagen zur Institution könnten hier eine Schlüsselrolle spielen. Das Projekt ist dem aktuellen Habilitationsprojekt untergeordnet, weshalb es keinen aktuellen Zeitplan für die Bearbeitung gibt.

 

Dissertationsprojekt (abgeschlossen, Publikation Mai 2017 erschienen, Doktorvater: Prof. Dr. Dr. h.c. Wilfried Loth)

Der Rhein-(Maas-)Schelde-Kanal als geplante Infrastrukturzelle von 1946 bis 1985: Eine Studie zur Infrastruktur- und Netzwerk-Geschichte.

Der Titel der Dissertationsschrift verweist auf die beiden Kernanliegen der Arbeit: zum einen die Aufarbeitung der Kanalgeschichte eines in Wirklichkeit rund 360 Jahre alten Projektes, welches in seinen Anfängen darauf abzielte, den Niederrhein mit dem Antwerpener Hafen zu verbinden; zum anderen auf die Bemühungen, infrastruktur-historische Untersuchungen durch den Entwurf eines Modells mit klaren Begrifflichkeiten zu erleichtern. Insbesondere auf letztere hat die Infrastruktur Forschung der vergangenen Jahrzehnte bewusst verzichtet, um „die Leistungsfähigkeit und Variabilität des Themas zu demonstrieren“. Ein sicherlich berechtigter Ansatz, nach fast weiteren zehn Forschungsjahren scheint es jedoch notwendig, sich auf der Basis der jetzigen Ergebnisse an die Begriffsarbeit zu wagen, wozu diese Arbeit einen Beitrag leisten möchte. Zu Beginn der Dissertation steht daher ein Theoriekapitel, welches das während der Arbeit immer weiterentwickelte Modell zur Erklärung von Infrastruktur aus historischer Perspektive als Teilergebnis voranstellt. Erst im Anschluss an dieses wird der Leser in die Kanaldebatte selbst eingeführt. Die Rekonstruktion des besagten Kanalprojektes erfolgt auf drei Ebenen: Zahlreiche, grenzübergreifende Regierungsdokumente, Briefwechsel oder Sitzungsprotokolle ergeben ein Bild der „wahren“ regionalen, nationalen sowie transnationalen Diskussion auf der einen Seite. Über rund 570 Zeitungsartikel aus der deutschen, niederländischen und belgischen Tagespresse sowie zahlreiche Denkschriften dokumentieren die von den Protagonisten gewollt inszenierte öffentliche Wahrnehmung der Projektdiskussion auf der anderen Seite. Das Material stammt aus insgesamt 15 kommunalen und staatlichen Archiven aller drei, in die Diskussion verwickelten, Länder.

Gratis Homepage erstellt mit Web-Gear

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der Autor dieser Webseite. Verstoß anzeigen