I. Laufende Projekte

Habilitationsprojekt 

Funktionen und Aufgaben städtischer Einrichtungen im transepochalen und transregionalen Vergleich anhand von Seßlach, Kleve und Oppeln (Arbeitstitel)

Begleitet durch Prof. Dr. Martin Knoll (Universität Salzburg)

Das Projekt möchte einen Beitrag zur Infrastruktur- und Stadtgeschichte leisten, indem vormoderne städtische Einrichtungen mit einem festen Standort – etwa Mühlen, Stadtbefestigungen, Rathäuser oder Wirtshäuser – dreier Städte aus drei Regionen hinsichtlich ihrer Aufgaben und Funktionen analysiert werden. Es soll dabei am Ende aktuelle infrastruktur-geschichtliche und stadtgeschichtliche Forschungsansätze zusammenführen, um auf diese Weise präzisere Aussagen bezüglich einer eventuellen Zuordnung der Einrichtungen zur Infrastruktur zu ermöglichen.

Aufgrund einer aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive noch immer fehlenden (epochenübergreifenden) Definition von Infrastruktur, insbesondere wenn es um in der Vormoderne entstandene Einrichtungen geht, knüpft die Studie dabei vorrangig an aktuelle Forschungen der Stadtgeschichte an, die vormoderne städtische Einrichtungen als „öffentliche Orte“ oder „Kommunikationsknotenpunkte“ analysieren. Anders, als bei den meisten diesbezüglichen Arbeiten wird dabei ein epochenübergreifender Zuschnitt vom Spätmittelalter bis zum Ersten Weltkrieg gewählt. Auf diese Weise lassen sich veränderte Aufgabenzuschnitte mitberücksichtigen, die am Ende durch den Vergleich zu einer „Profilschärfung“ der Einrichtungen insgesamt beitragen sollen.

Der stadtgeschichtliche Ansatz in Bezug auf Öffentlichkeit und Kommunikation macht dabei deutlich, dass hier durchaus regionale respektive lokale Unterschiede zu berücksichtigen sind. Um diese besser einfangen zu können, werden mit Seßlach (Oberfranken), Kleve (Rhein-Maas-Raum) und Oppeln (Oberschlesien) bewusst Städte dreier unterschiedlicher Regionen gewählt. Ihre zentrale Gemeinsamkeit besteht u.a. darin, dass sie im Untersuchungszeitraum keine besondere Bedeutung durch eine funktionell dominierende Einrichtung, z.B. eine Universität oder Kathedrale, besaßen.

Wie die stadtgeschichtliche Forschung ebenfalls zeigt, ist die epochenübergreifende Überlieferung zu städtischen Einrichtungen z.T. lückenhaft und unterschiedlich dicht – die größten Wissenslücken ergeben sich dabei hinsichtlich der Akteure, für die es insbesondere für die früheren Epochen oftmals nur punktuelle Befunde gibt. Pauschale Schlussfolgerungen scheinen daher gefährlich, weshalb neben diversen Schriftquellen für die Zusammenstellung der Datensätze ebenso historische Karten, archäologische und kunsthistorische Befunde herangezogen werden.

In Bezug auf die beiden Aspekte Kommunikation und Öffentlichkeit soll methodisch mit Luhmanns Systemtheorie ein neuer Zugang zur Thematik probiert werden. Sie ermöglicht zwanglos die Berücksichtigung der Konzepte Öffentlichkeit und Kommunikation und stellt zudem sicher, dass der transregionale Vergleich der Einrichtungen über diesen langen Untersuchungszeitraum den gleichen Kriterien unterliegt.

 

Weitere Projekte

Schnittstelle Kahlgrund. Ruprechts Zug gegen die sogenannten Raubschlösser im Jahr 1405 – ein Beispiel der Verflechtung verschiedener Herrschaftsräume (Arbeitstitel, Stand Sept. 2020)

Die Untersuchung soll einen Beitrag zur Aufarbeitung der spätmittelalterlichen Geschichte des Kahlgrunds leisten, der zu Beginn des 15. Jahrhunderts, so die Hypothese, politisch eine Schnittstelle zwischen dem vom Mainzer Erzbischof dominierten Spessart und der ursprünglich vom König beherrschten Wetterau darstellte. Im genannten Zeitraum wies der Kahlgrund ein königliches Freigericht, mehrere kleine Ortschaften (u.a. Kahl, Mömbris, Krombach, Blankenbach, Sommerkahl), mit Alzenau nur eine Siedlung mit Stadtrecht (1401) sowie eine sehr hohe Burgendichte auf – insbesondere letztere verweist vor allem auf verschiedene Tätigkeiten niederadeliger Akteure.

  Im Jahr 1405 ließ König Ruprecht von der Pfalz (1400–10) mehrere dieser Burgen mit der Begründung, dass es sich um Raubschlösser handelte, einlegen. Dem hierfür zusammengestellten Zug schloss er sich streckenweise persönlich an. U.a. diese Episode gibt Anlass, im Kahlgrund eine wichtige politische Schnittstelle zwischen Wetterau und Spessart zu vermuten.

  Die Wetterau ist dabei ein schönes Beispiele für die Bedeutung von Königsnähe respektive -ferne für eine Region: Das Gründen von Städten und Burgen, ihre Verpfändung, Vergabe als Lehen bzw. im Bedarfsfall ihre Zerstörung war auch im Spätmittelalter noch fester Bestandteil angewandter Herrschaftspraktiken, hinter denen unterschiedliche Akteursgruppen standen. Inwieweit welche der genannten Praktiken zum Einsatz kam hing dabei vor allem, dass zeigen die ausgewählten Betrachtungsbeispiele, von den Herrschaftsstrukturen der jeweiligen Regionen ab. Um die diversen Verflechtungen besser verstehen und „entwirren“ zu können, wird hier ein Untersuchungszeitraum von 1376 bis grob 1410 zugrunde gelegt.

  Quellentechnisch bieten u.a. die zahlreichen Regestensammlungen zu den beiden Königen Wenzel (1376–1400) und Ruprecht, dem Erzbistum Mainz, dem reichspolitischen Geschehen (RTA), den hier interessierenden Städten Frankfurt, Gelnhausen, Wetzlar und Friedberg sowie zu den einzelnen niederadeligen Geschlechtern eine gute Überlieferungsgrundlage. Diese sollen neben der Hinzuziehung verschiedener Archivalien (z.B. Lehensbriefe) u.a. direkt mit den aktuellen, über das Archäologische Spessartprojekt e.V. (https://www.spessartprojekt.de/) gewonnenen Grabungsbefunden (Federführung Harald Rosmanitz M.A.) zu den einzelnen Kahlgrunder Burgen in Beziehung gesetzt werden.

  Das Projekt wurde von der Gemeinde Mömbris und dem Verein Kulturlandschaft Kahlgrund e.V. (1. Vorsitzender: Hermann-Josef Bender) initiiert und wird durch beide unterstützt: https://www.kulturlandschaft-kahlgrund.de

 

Licht lockt Leute: Als der Mensch in die Schöpfung eingriff und Tag und Nacht aufhob (Arbeitstitel, Stand Jun. 2020)

Bertolt Brecht hielt bezüglich der Einführung des Rundfunks zutreffend fest, dass nicht die Öffentlichkeit auf den Rundfunk gewartet hatte, sondern der Rundfunk auf die Öffentlichkeit. Sein Statement trifft nicht nur auf die Bereitstellung des Rundfunks zu, sondern beschreibt kurz und prägnant den gesamten Einführungsprozess der Elektrizität: Über die reine Darstellung ihrer technisch-abstrakten Nützlichkeit hinaus musste ihr an und für sich vor dem Hintergrund der vorherrschenden sozialen, ökonomischen und kulturellen Bedingungen erst einmal ein gesellschaftlicher Ort zugewiesen werden. Denn Strukturwandel benötigt Zeit und muss vor allem zunächst einmal in den Köpfen der Menschen stattfinden.

  Dass geplante Projekt widmet sich diesem bis dato noch längst nicht vollumfänglich erforschten Adaptionsprozess der Zweiten Industriellen Revolution. Die Forschungsidee zielt darauf ab, die Auswirkungen der Elektrizität auf den menschlichen Alltag und das damalige Weltverständnis zu untersuchen. Es steht also weniger die Entwicklung und Verbreitung der neuen Energieform selbst im Vordergrund als vielmehr das gesellschaftliche Spannungsverhältnis zwischen der Innovation und Begeisterung für das Neue einerseits und den Bestrebungen zur Bewahrung der alten Gesellschaftsordnung andererseits. Der Untersuchungszeitraum ist dabei auf die Zeit zwischen 1880 und den Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 beschränkt.

  Der Ansatz sieht – sich an der Untersuchung Beate Binders orientierend – zum jetzigen Zeitpunkt mit Oldenburg (Oldb) und Cloppenburg (Großherzogtum Oldenburg) sowie Dieburg und Darmstadt (Großherzogtum Hessen) die Untersuchung zweier unterschiedlich großer Städte aus jeweils Nord- und Mitteldeutschland vor, die zum Zeitpunkt der Einführung der Elektrizität nicht zu den beiden großen katholisch respektive protestantisch dominierten Königreichen Bayern und Preußen gehörten. Die kleineren Territorien – so die Überlegung – ermöglichen insgesamt eine bessere Übersicht bezüglich regionaler Strukturen und Ausprägungen. So richten sich diesbezügliche Fragen beispielsweise auf gleiche respektive ähnlich geführte lokale Diskurse, darauf, inwieweit diese von der Stadtgestaltung abhängig waren, inwieweit sie den allgemeinen Trend folgend die vorherrschenden kulturellen Deutungsmuster und Orientierungen widerspiegeln bzw. wovon die jeweiligen lokalen Diskurse insgesamt beeinflusst waren (unter anderem Bevölkerungs-, Stadt- oder Regionalstrukturen).

  Um etwaige Probleme und lokale Spannungen herauszufinden, soll der erste Zugriff über die zeitgenössische Presseschreibung erfolgen. Zeitungsartikel erwiesen sich, so die Erfahrung im Dissertationsprojekt, wo es um die länderübergreifenden Diskussionen um die Realisierung eines Rhein-Maas-Schelde-Kanals ging, als überaus effektiv und aussagekräftig.

  Eine erste einführende Publikation erscheint voraussichtlich im Dez. 2020: Schröder, Lina: Licht lockt Leute: Als der Mensch in die Schöpfung eingriff und Tag und Nacht aufhob – ein Werkstattbericht. In: Flügel, Wolfgang/Lühr, Merve/Müller, Winfried (Hg.): Urbane Kinokultur. Das Lichtspieltheater in der Großstadt zwischen 1895 und 1949 (ISGV digital). o.O. 2020.

 

Eine Bibliographie für Infrastruktur-Geschichte

Forschungsarbeiten stehen und fallen vor allem mit dem Forschungsstand, es ist unerlässlich, sich einen Überblick über bereits existierende Publikationen zu verschaffen. Im Falle der Infrastruktur-Geschichte ist dies oftmals sehr mühsam. Der Geschichtszweig als solcher ist noch nicht etabliert, entsprechend vermisst der Forscher entsprechende Handbücher oder gar bibliographische Nachschlagewerke. Die eigenen "leidvollen" Erfahrungen vor Augen habend, bemüht sich die Verfasserin im Rahmen dieses Projektes, möglichst viel Literatur zusammenzutragen, welche als Ausgangsbasis für infrastruktur-geschichtliche Untersuchungen dienen mag. In der Hoffnung, dass eine solche Bibliographie infrastruktur-historische Projekte indirekt unterstützt, werden die Ergebnisse auf dieser Homepage öffentlich zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist sämtlichen weiteren Forschungen untergeordnet, weshalb es keinen Zeitplan für die Bearbeitung gibt.

 

II. Abgeschlossene Projekte

Kleine Projekte

Die Willigisbrücke in ihrer regionalen Verankerung. Eine epochenübergreifende und exemplarische Untersuchung (Publikation 2020 erschienen)

Die Geschichte des sich im Hafenlohrtal befindlichen Hofgutes Erlenfurt, auch Kohlhütte genannt (Publikation 2020 erschienen)

Der Hafen Marktsteft als Herrschaft sichernde Maßnahme im 18. und 19. Jahrhundert (Publikation 2019 erschienen)

Die Republikgründung der Niederlande – eine systemtheoretische Betrachtung (Publikation 2013 erschienen)

 

Dissertationsprojekt (Doktorvater: Prof. Dr. Dr. h.c. Wilfried Loth)

Der Rhein-(Maas-)Schelde-Kanal als geplante Infrastrukturzelle von 1946 bis 1985: Eine Studie zur Infrastruktur- und Netzwerk-Geschichte (Publikation 2017 erschienen)

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