Habilitationsprojekt 

Betreuer: Prof. Dr. Helmut Flachenecker (Universität Würzburg)

Kontingenzbewältigung mittels Infrastruktur? Gewachsene Infrastrukturnetze als Kulturleistung im europäischen Vergleich (aktueller Arbeitstitel)

(Stand: Juni 2018)

Die Infrastrukturnetze des 21. Jahrhunderts integrieren unzählige Orte für die communis utilitas, Organisation und Interessendurchsetzung. Orte wie Kirchen, Friedhöfe oder Kulturvereine ermöglichen beispielsweise Seelenheil, Memoria oder Identität, Polizei- oder Feuerwehrwachen bieten hingegen Schutz, Schienen sind Orte zur Sicherstellung der Mobilität, Bahnhöfe gestatten den Gesellschaftsteilnehmern den direkten Zugang zu dieser. Universitäten stehen als Orte für Bildung, Fußballstadien für die Unterhaltung, Supermärkte und Wasserleitungen ermöglichen den Zugriff auf Nahrungsgüter bzw. die so überlebenswichtige Ressource Wasser. Rathäuser oder Behörden stellen Orte politischer Organisation dar, das Rathaus ist zugleich auch der Platz, politische oder wirtschaftliche Interessen abzuwägen und zu beschließen. Das Vorhandensein all dieser infrastrukturellen Orte ist Kulturleistung (van Laak, 2001). Mit ihren Funktionen müssen Infrastrukturzellen zugleich auch als Maßnahmen zur Kontingenzbewältigung verstanden werden. Dies wird am deutlichsten, wenn sie „ihren Dienst versagen“ und die sonst so selbstverständliche, alltägliche Stabilität ins „Wanken gerät“. Viele der genannten Orte finden sich in zahlreichen regionalen Infrastrukturnetzen wieder (z.T. gleiches Erscheinungsbild, z.T. etwas abgewandelt), manche auch nicht. Aus dieser Beobachtung heraus leitet sich die zentrale Frage ab: Weshalb erscheinen regionale Infrastrukturnetze heutzutage so, wie sie sind?

Zunächst wird das Zellenmodell (Schröder, 2017) der Studie zugrunde gelegt, da die Untersuchungsfrage mit Kontinuität erklärt wird. Daraus resultiert eine Längsschnittuntersuchung mit vier Zeitfenstern (1260–1390, 1670–1750, 1860–1910, ab 1950). Zudem liegt, auch hierfür wurde das Zellenmodell ausgelegt, der Fokus auf den Funktionen – die einzige Möglichkeit, Infrastruktur bezüglich ihrer Kontinuität und ihres Wandels zugleich epochenübergreifend zu erfassen. Die konkrete Auswahl spiegelt einerseits die aktuellen infrastrukturellen, regionalen Erscheinungsbilder wider, eine Region wird dabei zugleich nahezu räumlich komplett abgedeckt. Aus Praktikabilitätsgründen werden für jede Klein- bzw. Mittelstadt heutzutage typische Einrichtungen, z.B. Kanalisationen oder Schulen, ausgeklammert. Zugleich wird Infrastruktur in ihrer gesamten Vielfältigkeit (communis utilitas, Organisation und Interessendurchsetzung) berücksichtigt. Zur Klärung der Frage, was mit „ausgedienten“ Infrastrukturzellen langfristig geschieht, wird auch auf unterschiedliche Kulturdenkmäler des 20. Jhs. zurückgegriffen (z.B. Getreidemühlen).

Mit der multiherrschaftlichen Waldregion 'Spessart', der multikulturellen Küstenregion um die 'Danziger Bucht' (in etwa das Gebiet der ehemaligen Deutschordensherrschaft in Preußen) und der rund 350 Jahre lang sowohl christlich als auch muslimisch geprägten Gebirgsregion 'Montes de Toledo' werden drei Regionen unterschiedlicher Größe bzw. differenter geographischer, topographischer, kultureller sowie herrschaftlicher Bedingungen verglichen. Darüberhinaus werden durch die Auswahl verschiedener Infrastrukturzellen zahlreiche Beispiele geliefert, die am Ende ein gewisses Maß an Repräsentativität gewährleisten.

 

Nebenprojekte

Die Republikgründung der Niederlande

Bei den Untersuchungen geht es darum, den Prozess der niederländischen Republikgründung anhand der damals vorhandenen bzw. fehlenden Infrastruktur zu analysieren. Inwieweit lassen sich die Prozesse auf die vorhandenen bzw. fehlenden Infrastrukturelemente zurückführen? Welche Rolle spielten Infrastruktureinrichtungen damals? Das Projekt ist dem aktuellen Habilitationsprojekt untergeordnet, weshalb es keinen aktuellen Zeitplan für die Bearbeitung gibt.

Infrastruktur und Niklas Luhmans Systemtheorie

Dieses überwiegend theoretisch orientierte Projekt soll einen Beitrag zur Geschichtstheorie leisten, in welcher einerseits Luhmanns Systemtheorie trotz der z. T. fehelnden Aussagen zu einem Geschichtsmodell immer wieder eine Rolle bei Untersuchungen spielt, andererseits die Infrastruktur-Geschichte als ein an Bedeutung gewinnendes Untersuchungsfeld sich zu etablieren hat. Die Verfasserin arbeitet hier an einem Vorschlag für eine eventuelle Integration des Zellenmodells in die Systemtheorie. Zunächst muss jedoch die mögliche Bedeutung der Infrastruktur in diesem Zusammenhang an für sich geklärt werden, insbesondere Luhmanns Aussagen zur Institution könnten hier eine Schlüsselrolle spielen. Das Projekt ist dem aktuellen Habilitationsprojekt untergeordnet, weshalb es keinen aktuellen Zeitplan für die Bearbeitung gibt.

 

Dissertationsprojekt (abgeschlossen, Publikation Mai 2017 erschienen, Doktorvater: Prof. Dr. Dr. h.c. Wilfried Loth)

Der Rhein-(Maas-)Schelde-Kanal als geplante Infrastrukturzelle von 1946 bis 1985: Eine Studie zur Infrastruktur- und Netzwerk-Geschichte.

Der Titel der Dissertationsschrift verweist auf die beiden Kernanliegen der Arbeit: zum einen die Aufarbeitung der Kanalgeschichte eines in Wirklichkeit rund 360 Jahre alten Projektes, welches in seinen Anfängen darauf abzielte, den Niederrhein mit dem Antwerpener Hafen zu verbinden; zum anderen auf die Bemühungen, infrastruktur-historische Untersuchungen durch den Entwurf eines Modells mit klaren Begrifflichkeiten zu erleichtern. Insbesondere auf letztere hat die Infrastruktur Forschung der vergangenen Jahrzehnte bewusst verzichtet, um „die Leistungsfähigkeit und Variabilität des Themas zu demonstrieren“. Ein sicherlich berechtigter Ansatz, nach fast weiteren zehn Forschungsjahren scheint es jedoch notwendig, sich auf der Basis der jetzigen Ergebnisse an die Begriffsarbeit zu wagen, wozu diese Arbeit einen Beitrag leisten möchte. Zu Beginn der Dissertation steht daher ein Theoriekapitel, welches das während der Arbeit immer weiterentwickelte Modell zur Erklärung von Infrastruktur aus historischer Perspektive als Teilergebnis voranstellt. Erst im Anschluss an dieses wird der Leser in die Kanaldebatte selbst eingeführt. Die Rekonstruktion des besagten Kanalprojektes erfolgt auf drei Ebenen: Zahlreiche, grenzübergreifende Regierungsdokumente, Briefwechsel oder Sitzungsprotokolle ergeben ein Bild der „wahren“ regionalen, nationalen sowie transnationalen Diskussion auf der einen Seite. Über rund 570 Zeitungsartikel aus der deutschen, niederländischen und belgischen Tagespresse sowie zahlreiche Denkschriften dokumentieren die von den Protagonisten gewollt inszenierte öffentliche Wahrnehmung der Projektdiskussion auf der anderen Seite. Das Material stammt aus insgesamt 15 kommunalen und staatlichen Archiven aller drei, in die Diskussion verwickelten, Länder.

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