Habilitationsprojekt 

Betreuer: Prof. Dr. Helmut Flachenecker (Universität Würzburg)

Tote Infrastrukturzellen? Vom  Herrschaftsspeicher zum Kulturdenkmal: Burgen, Stadtbefestigungen und Getreidemühlen im regional-europäischen Vergleich

(Stand: Juni 2017 – das Projekt befindet sich noch in der Entwicklungsphase)

Zerfallene oder renovierte Burgruinen und Stadtmauern, Wasserräder und Mühlen-gebäude – im 21. Jahrhundert als sogenannte Kulturdenkmäler ganz selbstver-ständliche, z. T. nostalgische Touristenattraktionen, in vergangenen Epochen erfüllten sie hingegen als zentrale Bestandteile der Infrastruktur eine heutzutage kaum noch vorstellbare gesellschaftliche Funktion.

Der Begriff «Infrastruktur» lässt sich erstmals im 19. Jahrhundert nachweisen, wenngleich das Phänomen selbst uralt ist und vor allem dann epochenübergreifend konzentriert zu beobachten ist, wenn es um die Organisation einer größeren Menschengruppe, beispielsweise im Rahmen einer Stadt, geht. Auch wenn in stadthistorischen Publikationen infrastrukturelle Elemente immer wieder als zentral benannt werden, geraten sie stets als mehr oder weniger selbstverständlich in den Forschungshintergrund bzw. fließen indirekt im Resultat, beispielsweise mit der Administration bzw. dem städtischen Wirtschafts- und Sozialwesen, in den Diskurs ein. In der als Längsschnitt (Schwerpunkt Neuere und Neuste Geschichte) angelegten Vergleichsstudie stehen jeweils zwei Städte aus drei Regionen Europas im Fokus: Aschaffenburg, Lohr am Main (Main-Spessart), Malbork, Danzig (Pommern) und Toledo, Consuegra (Castilla de la Mancha). Innerhalb dieser werden – im Gegensatz zu der heutzutage oftmals unsichtbar erscheinenden Infrastruktur – das Landschaftsbild noch heute prägende Burgen/Festungen, Stadtbefestigungen und Getreidemühlen als einstige infrastrukturelle Herrschaftsspeicher, jetzt scheinbar funktionslos gewordene Ruinen oder Museen, hinsichtlich ihrer Ausgestaltung, der sich wandelnden Funktionen und der sich daraus ergebenen Konsequenzen für die dort lebende Bevölkerung, Stadt- und Regionalentwicklung systematisch untersucht. Die getroffene Auswahl versteht sich gleichzeitig als Ergänzung bisher erfolgter infrastruktur-historischer Untersuchungen, welche sich in erster Linie Sakralbauten, Verkehrs-, Kommunikations- sowie Energienetzwerken und den diesbezüglichen Standarisierungsbemühungen widmeten.1

Die von der Siedlungspolitik des Deutschen Ordens beeinflussten Städte Pommerns sowie jene durch das Kalifat von Córdoba und die Reconquista geprägten Castillas weisen Gemeinsamkeiten auf: sie wurden von Menschen unterschiedlicher europäischer Regionen bevölkert, die beim Zuzug ihre rechtlichen, religiösen und sozialen Vorstellungen mitbrachten (Dynamiken der (städtischen) Identitätsbildung), auch die Modifikation von Infrastruktur als gemeinsame Kulturleistung ist u. a. Ergebnis und Ausdruck jener Multikulturalität. Die beiden Regionen liefern zugleich unterschiedliche Kulturräume, Topographien, Macht- und Herrschaftsstrukturen, letztere werden durch den Main-Spessart (Besonderheit der territorialen Multiherrschaft) ergänzt. Der Ansatz bemüht sich um „das Erfassen und Erklären von Kulturphänomenen in ihrer räumlichen Dimension"2 und umreißt die Bedeutung eines gemeinsamen Europas, das seine Stärke aus den Regionen und nicht ausschließlich aus den Nationalstaaten zieht. Die Studie, welche neben einer Publikation die Erstellung «digitaler, interaktiver Infrastrukturkarten» vorsieht, basiert auf dem in der Dissertation der Verfasserin entwickelten infrastrukturellen Zellenmodell, geht damit neue methodische Wege und trägt zur aktuellen Diskussion hinsichtlich der Bedeutung lokaler Identitäten in einem gemeinsamen Europa bei.3

Das Projekt ist auf drei Jahre angesetzt.

 

1 Engels, Jens Ivo: Machtfragen. Aktuelle Entwicklungen und Perspektiven der Infrastrukturgeschichte, in: Neue Politische Literatur. Jg. 55 (2010), S. 51–70, hier S. 58; vgl. auch die Studie von Hirschmann, Frank G.: Stadtplanung, Bauprojekte und Großbaustellen im 10. und 11. Jahrhundert (Monographien zur Geschichte des Mittelalters. Bd. 43). Stuttgart 1998.

2 Flachenecker, Helmut/Kiessling, Rolf (Hg.): Städtelandschaften – Schullandschaften. Eine Einführung, in: Flachenecker, Helmut/Kiessling, Rolf (Hg.): Schullandschaften in Altbayern, Franken und Schwaben. Untersuchungen zur Ausbreitung und Typologie des Bildungswesens in Spätmittelalter und Früher Neuzeit, München 2005, S. 9–28, hier S. 2 f.

3 Ebd.

 

Nebenprojekte

Die Republikgründung der Niederlande aus der infrastruktur-historischen Perspektive

Bei den Untersuchungen geht es darum, den Prozess der niederländischen Republikgründung anhand der damals vorhandenen bzw. fehlenden Infrastruktur zu analysieren. Inwieweit lassen sich die Prozesse auf die vorhandenen bzw. fehlenden Infrastrukturelemente zurückführen? Welche Rolle spielten Infrastruktureinrichtungen damals? Das Projekt ist dem aktuellen Habilitationsprojekt untergeordnet, weshalb es keinen aktuellen Zeitplan für die Bearbeitung gibt.

Infrastruktur und Niklas Luhmans Systemtheorie

Dieses überwiegend theoretisch orientierte Projekt soll einen Beitrag zur Geschichtstheorie leisten, in welcher einerseits Luhmanns Systemtheorie trotz der z. T. fehelnden Aussagen zu einem Geschichtsmodell immer wieder eine Rolle bei Untersuchungen spielt, andererseits die Infrastruktur-Geschichte als ein an Bedeutung gewinnendes Untersuchungsfeld sich zu etablieren hat. Die Verfasserin arbeitet hier an einem Vorschlag für eine eventuelle Integration des Zellenmodells in die Systemtheorie. Zunächst muss jedoch die mögliche Bedeutung der Infrastruktur in diesem Zusammenhang an für sich geklärt werden, insbesondere Luhmanns Aussagen zur Institution könnten hier eine Schlüsselrolle spielen. Das Projekt ist dem aktuellen Habilitationsprojekt untergeordnet, weshalb es keinen aktuellen Zeitplan für die Bearbeitung gibt.

 

Dissertationsprojekt (abgeschlossen, Publikation Mai 2017 erschienen, Doktorvater: Prof. Dr. Dr. h.c. Wilfried Loth)

Der Rhein-(Maas-)Schelde-Kanal als geplante Infrastrukturzelle von 1946 bis 1985: Eine Studie zur Infrastruktur- und Netzwerk-Geschichte.

Der Titel der Dissertationsschrift verweist auf die beiden Kernanliegen der Arbeit: zum einen die Aufarbeitung der Kanalgeschichte eines in Wirklichkeit rund 360 Jahre alten Projektes, welches in seinen Anfängen darauf abzielte, den Niederrhein mit dem Antwerpener Hafen zu verbinden; zum anderen auf die Bemühungen, infrastruktur-historische Untersuchungen durch den Entwurf eines Modells mit klaren Begrifflichkeiten zu erleichtern. Insbesondere auf letztere hat die Infrastruktur Forschung der vergangenen Jahrzehnte bewusst verzichtet, um „die Leistungsfähigkeit und Variabilität des Themas zu demonstrieren“. Ein sicherlich berechtigter Ansatz, nach fast weiteren zehn Forschungsjahren scheint es jedoch notwendig, sich auf der Basis der jetzigen Ergebnisse an die Begriffsarbeit zu wagen, wozu diese Arbeit einen Beitrag leisten möchte. Zu Beginn der Dissertation steht daher ein Theoriekapitel, welches das während der Arbeit immer weiterentwickelte Modell zur Erklärung von Infrastruktur aus historischer Perspektive als Teilergebnis voranstellt. Erst im Anschluss an dieses wird der Leser in die Kanaldebatte selbst eingeführt. Die Rekonstruktion des besagten Kanalprojektes erfolgt auf drei Ebenen: Zahlreiche, grenzübergreifende Regierungsdokumente, Briefwechsel oder Sitzungsprotokolle ergeben ein Bild der „wahren“ regionalen, nationalen sowie transnationalen Diskussion auf der einen Seite. Über rund 570 Zeitungsartikel aus der deutschen, niederländischen und belgischen Tagespresse sowie zahlreiche Denkschriften dokumentieren die von den Protagonisten gewollt inszenierte öffentliche Wahrnehmung der Projektdiskussion auf der anderen Seite. Das Material stammt aus insgesamt 15 kommunalen und staatlichen Archiven aller drei, in die Diskussion verwickelten, Länder.

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